Projekttag für die 11. und 12. Jahrgangsstufe veranstaltet vom AK „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“
Ein paar Zahlen vorneweg: Alle zwei bis drei Tage tötet ein Mann in Deutschland seine (Ex-)Partnerin. Im Jahr 2024 erlebten 135713 Frauen in Deutschland Gewalt in einer (Ex-)Partnerschaft. Weltweit waren insgesamt 840 Millionen Frauen von Gewalt betroffen gemäß einer Studie der WHO von 2025. Und in dem Zeitraum von fünf Stunden, in welchem der Projekttag am Camerloher stattfand, wurden in Deutschland 100 Frauen Opfer von häuslicher Gewalt.
Das ist die Realität, in der Mädchen und Frauen leben – die Zahlen sind erschütternd und doch auch abstrakt. Aber hinter jeder einzelnen Zahl steckt ein Schicksal, stecken Schmerz, Wut, Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, steckt eine Leidensgeschichte. Dieser Thematik widmete sich der am 06. Juli 2026 vom Arbeitskreis „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ veranstaltete Projekttag unter der Leitung von Silke Hatzinger und Yvo Fischer. Nachdem sich der Arbeitskreis im Vorjahr mit der Situation von Mädchen und Frauen in Afghanistan nach Wiederaufnahme der Herrschaft durch die Taliban beschäftigte, wurde der Fokus in diesem Jahr auf den eigenen Kulturkreis gelegt. Und auch wenn die Lage nicht annähernd vergleichbar ist, so ist es doch schmerzlich zu realisieren, dass Mädchen und Frauen auch in unserem westlichen Kulturkreis von unterschiedlichen Formen von Gewalt zementiert durch noch immer vorherrschende und das System protegierende patriarchale Machtstrukturen betroffen sind. Und zu erfahren, dass der unsicherste Ort für Mädchen und Frauen das eigene Zuhause ist, macht besonders betroffen.
Der Projektpate Yvo Fischer eröffnete gesanglich den Vormittag für die Schülerinnen und Schüler der 11. und 12. Jahrgangsstufe mit einer Liedzeile aus dem weltberühmten Song „Respect“ von Aretha Franklin: „All I’m askin‘, is for a little respect when you come home“. Es sind die schrecklichen Fälle von Gisèle Pelicot oder Collien Ferandes, betäubt, missbraucht, vergewaltigt und digital zur Schau gestellt von den eigenen Ehemännern, die dem Thema in der Öffentlichkeit Raum geben. Ohne den Mut dieser Frauen, die an Körper und Seele erfahrene Gewalt öffentlich besprechbar zu machen, gäbe es keine gesamtgesellschaftliche Diskussion zu dem Thema. Aber genau diese Auseinandersetzung zwischen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen ist notwendig, sodass gemäß Gisèle Pelicot die „Scham die Seite wechseln“ kann. Nicht die Betroffenen von Gewalt oder Missbrauch sollen sich schämen, sondern diejenigen, die Gewalt ausüben oder diese ermöglichen.
Genau darauf verwiesen in ihrem Grußwort die beiden Schulleiterinnen Katharina Willimski und Hanne Singer. Eigene Erfahrungen von sexualisierter Gewalt in Form von sexistischen Sprüchen und vermeintlich witzigen Kommentaren im privaten und beruflichen Umfeld prägen die Haltung der beiden Frauen in einer Führungsposition: Scham oder Angst von Frauen darf nicht zum Alltag werden! Und das kann niemals allein die Aufgabe von Frauen sein, sondern dazu braucht es notwendigerweise auch die Männer – es braucht Männer, die zuhören, hinschauen und eingreifen. In diesem Sinne möchten sie auch den Projekttag verstanden wissen und sie appellieren an die jungen Menschen, verletzende Sprüche nicht hinzunehmen, nicht unter dem Deckmantel von „Es war doch nur ein Witz“ geschehen zu lassen, sondern hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. Diesen Worten schloss sich Freisings Oberbürgermeisterin Monika Schwind an und lobte in ihrem Grußwort das Engagement der Schülerinnen und Schüler, sich in einem Projekttag mit diesem Thema auseinanderzusetzen. In ihrem politischen Amt wird sie dieses auf der strukturellen Ebene weiter vorantreiben, aber auch als Mutter von zwei Töchtern ist es ihr ein Herzensthema, dass sich die Mädchen und Frauen in Freising im öffentlichen Raum sicher fühlen können.
Mit Hilfe des Dokumentarfilms „Gewalt gegen Frauen: Wie Täter stoppen und Frauen schützen?“ und einem Impulsreferat der beiden AK-Mitglieder Martha Solty und Stephanie Ströhl wurden die Elft- und Zwölftklässler in die Thematik eingeführt. Ergänzend dazu bot die Wanderausstellung „Häusliche Gewalt LOSwerden“ des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales wesentliche Hintergrundinformationen zu verschiedenen Formen von Gewalt an Frauen sowie möglichen Wegen, die Gewaltspirale zu durchbrechen und Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Diese Wanderausstellung, Informationsmaterialien und Broschüren zu lokalen Fachberatungsstellen verbleiben in der Aula des Camerloher Gymnasiums bis Ende Juli, sodass auch in anderen Jahrgangsstufen die Thematik unterrichtlich eingebunden werden kann.
Ziel des Projekttages war aber nicht, reine Daten und Fakten zu vermitteln, sondern mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, zu sensibilisieren, betroffen zu machen und gemeinsam zu überlegen, was jeder und jede Einzelne zur Verbesserung beitragen kann. Und so war das große Angebot von unterschiedlichsten Workshops zu der Thematik das Herz- und Kernstück des Vormittags. Dazu hatten die AK-Mitglieder, ehemalige Schülerinnen und Camerloher-Lehrkräfte Workshops vorbereitet. Außerdem lud der AK zahlreiche externe Partner ein, die mit ihrer Expertise den Projekttag zu einem großen Erfolg machten. Ein besonderer Dank geht an Christina Mayer von der Diakonie mit ihrem Team von HilDa und dem Frauenhaus, Verena Küllstädt (Staatsanwältin bei der Generalstaatsanwaltschaft in München), Dr. Dagmar Seghutera vom Weißen Ring Freising und der Kunsthistorikerin und Journalistin Katharina Eser. Mit der Unterstützung all dieser Expertinnen und dem innerschulischen Personal konnte ein breites inhaltliches Spektrum abgedeckt werden: von digitalen sexualisierten Beleidigungen zu Manosphere-Communities, von der rechtlichen Einschätzung frauenfeindlicher Hasskriminalität zu den im Mittelalter vollzogenen Hexenverfolgungen und deren Nachwirkungen auf heutige patriarchalische Mechanismen, von Kommunikationstipps für Frauen bei Catcalling hin zu Handlungsempfehlungen für Männer, die das Sicherheitsgefühl von Frauen stärken können. Manche Workshops waren nur für Jungs, andere nur für Mädchen, manche Workshops analysierten die Problemstellung auf der politischen, gesellschaftlichen oder rechtlichen Ebene, andere zeigten geschichtliche Entwicklungslinien auf, es gab Workshops, die der Sensibilisierung oder dem Empowerment dienten. Für jeden und jede sollte etwas dabei sein und jeder Schüler und jede Schülerin sollte die Wahl haben, mit welchem Aspekt er oder sie sich auseinandersetzen wollte. Und - ganz wichtig – es sollte niemals um Schuldzuweisung gehen, sondern immer um das Sichtbar- und Besprechbar-Machen von ungünstigen Dynamiken, die Gewalt an Mädchen und Frauen erst ermöglichen.
In der abschließenden Plenumsdiskussion wurde ausdrücklich diese breite Palette an Angeboten gelobt. Sowohl die Teilnehmenden an den Workshops als auch die Workshop-Leitungen waren angetan vom Miteinander, von der Bereitschaft, sich auf diese Thematik einzulassen, sich dafür zu öffnen und in einer Atmosphäre der offenen Aufrichtigkeit darüber ins Gespräch zu kommen.
„Die Scham muss die Seite wechseln.“ Das Zitat von Gisèle Pelicot wählte der AK bewusst als Motto für den Projekttag. Es macht deutlich, worum es im Kampf gegen Gewalt an Mädchen und Frauen geht: Nicht die Betroffenen sollen sich verstecken, schweigen oder rechtfertigen. Scham gehört dorthin, wo Gewalt ausgeübt, Grenzen missachtet und Menschen erniedrigt werden. Dass das tatsächlich passieren kann, dazu braucht es Menschen, die sich entscheiden, Verantwortung zu übernehmen, Grenzen anzuerkennen und die auch den Mut haben einzuschreiten, wenn diese Grenzen verletzt werden. Und genau das ist das Versprechen, das wir uns alle gegeben haben, als wir Teil des Netzwerks von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ geworden ist. Es ist das Versprechen, Haltung zu zeigen und respektvoll zu handeln – sich selbst und anderen gegenüber. In den Worten von Aretha Franklin: “R-E-S-P-E-C-T - find out what it means to me” – und möchte man hinzufügen „what it means to all of us!“
Silke Hatzinger