Ein seit Jahren leerstehendes Mehrfamilienhaus in Lerchenfeld öffnete im Januar für zwei Tage wieder seine Türen: nicht für den Alltag, sondern für die Ausstellung „ZWISCHEN KÖR-PERN“ des Leistungsfachs Kunst Q13 unter der Leitung von Gerhard Schebler. Das Event zog zahlreiche Besucherinnen und Besucher an, darunter Kulturreferent Nico Heitz, der das große Engagement und den (Körper-)Einsatz der Beteiligten lobte.
Interessierte konnten die Ausstellung in sieben Wohnungen, Keller und Dachboden entdecken, die Räume über die künstlerischen Arbeiten neu erleben und mit den Künstler/-innen und anderen Besucher/-innen ins Gespräch kommen. Der verlassene Bau bildete dabei weit mehr als nur den Rahmen der Ausstellung. Seine Räume und seine stille Atmosphäre sowie die Spuren ehemaliger Bewohnerinnen und Bewohner wurden von den ausgestellten Werken aufgegriffen und weitergedacht. Maßgeblich trug auch der temporäre Charakter der Ausstellung zu einer ganz besonderen Atmosphäre bei.
Gezeigt wurden Arbeiten aus mehreren Semestern, deren Leitthemen „un_gegenständlich“, „Raumlabor“ und „Zwischen Körpern“ lauteten. Die ausgestellten Werke deckten ein breites Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen ab: die Bandbreite reichte von filmischen Arbeiten über Installationen bis hin zu Zeichnungen und Malerei. Die Vielfalt der Werke spiegelte dabei die Vielschichtigkeit des Ausstellungsthemas ebenso wider wie die verschiedenen Charaktere der Wohnungen.
Lara Jahn etwa schloss die Spuren, die längst abgehängte Bilder in einem Wohnzimmer hinterlassen haben an ein Nervensystem aus Kabeln an, um die Erinnerungen sichtbar werden zu lassen, die das Haus durchziehen. Mit dem Hammer schlug Marlene Lasch Spuren in den Putz, die an Körper und ihre Bewegungen erinnern. Mit dieser kraftvollen Geste legte sie verborgene Schichten frei und schuf wie in prähistorischen Höhlen aus dem Ringen mit dem Material bildhafte Assoziationen. Das Haus als Körper war das Thema von Marlene Göls, die in einen Raum ein gefaltetes, schimmerndes Gebilde einzog, das an ein Hautstück erinnert, das von einer Art Narbe durchzogen wird. Verletzungen spielen auch ich der Arbeit von Annika Krippner eine wichtige Rolle. In ihrem Raum legten Sondierungsöffnungen die tragenden Strukturen des Hauses frei, gleichzeitig wurden Bereiche neu gefliest und so ein Schwebezustand zwischen Abbruch und Aufbau erreicht. Diese Zwischenwelten faszinierten auch Gian Maritz, der im Keller Fundstücke aus dem Haus zusammen mit hinzugefügten Bildern und Objekten so inszenierte, dass neue bildhafte Bezüge entstanden. Mit Taschenlampen konnten die Besucherinnen und Besucher die dunklen Kellerräume erkunden. Die Melancholie, die das seit mehreren Jahren leerstehende Haus durchzieht, wurde von Jack Lang in zwei Rauminstallationen aufgegriffen. In einem Raum ließ er Schlafsäcke wie Kokons von der Decke hängen, in einem zweiten Raum ordnete er ausgediente Alltagsobjekte zu einer wie erschlafft wirkenden Figur an. Anna Dantele fotografierte Situationen im Haus und überblendete sie mit Fotos ihrer eigenen Kindheit, um mögliche Erinnerungen sichtbar werden zu lassen und die Stimmung in dem heruntergekommenen Kinderzimmeraufzugreifen, in dem die Werke ausgestellt wurden. Die Zwischenzonen zwischen Menschen interessierten auch Emily Stojan, die den Raum zwischen Händen und anderen Körperteilen mit einer Modelliermasse abformte. Hannah Wagner und Helena Baur ließen Bilder im Raum schweben. Einmal entdeckte man bei Betreten einer Wohnung sein eigenes Bild mehrfach in den Raum projiziert, einmal wurde ein digital animierter Avatar virtuell inszeniert. Körperliche Nähe kann auch Fluchtreflexe auslösen und animalisch wirkende Ängste wachrufen. Veronica Hartmann zeichnete einen raumfüllenden panischen Hasen an die Wand einer Wohnung, in der man den sich beschleunigenden Herzschlag des Tieres hörte. Meisterhaft den Raum bespielte auch die Videoinstallation von Hannah Kirchmann. Auf die mehrere Räume verbindende Gebilde aus spiegelnder Folie wurden Erinnerungsbilder aus ihrer Kindheit projiziert, die die Versunkenheit und abgründige Spontaneität kindlichen Spielens erlebbar machten. Fast wie in Trance fühlte man sich in dem gekachelten Badezimmer, das Vitus Jaap in eine rätselhafte, von Wasser geflutete Tropfsteinhöhle verwandelte. Den Abschluss des Ausstellungsbesuchs markierte ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Bild auf dem Dachboden. Hier hatte Vitus Jaap ein Doyho, einen Sumo-Kampflatz aus Lehm, in Originalgröße eingebaut. Zusammen mit der Lichtinszenierung, den sanft im Wind wehenden Folien und dem Klang klassischer Musik entstand eine beruhigend-beunruhigende Stimmung.
Ein voller Erfolg war auch die musikalische Eröffnung des Events durch die junge Newcomer-Band "Back to Business". Dadurch traten Musik und Kunst in einen Dialog, der den Ort belebte und das Ausstellungserlebnis erweiterte. Doch nicht nur Genuss für Augen und Ohren war geboten, sondern auch Kunst in essbarer Form, sodass Besucher/-innen mit süßen Häppchen, deren Form oder Verpackung an ausgestellte Arbeiten angelehnt waren, auf die Suche nach den zugehörigen Werken gehen konnten.
Die großen Herausforderungen, die die Umsetzung der Ausstellung im kalten Januar ohne Heizung und Strom bereithielt, meisterte das Leistungsfach hervorragend. Ein großes Mietshaus ganz für sich zu haben und dort alles umsetzen zu können, was man möchte, war ein Erlebnis, welches sicherlich nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.
Marlene Lasch und Marlene Göls, Q13