Der Knallkrebs ist eine Südsee-Garnele mit Pistolenarm - das lauteste Tier der Welt, das mit seinem Knall seine Opfer betäuben und dann fressen kann. Im übertragenen Sinn ist damit Farid, ein 16-jähriger aus Afghanistan Geflüchteter gemeint, der unschlagbar Activity spielen kann.
In München lernt er 2015 Tom und Laura - Mitte 20 - kennen, Tom übernimmt eine Patenschaft für Farid. Es entwickelt sich eine etwas komplizierte Dreiecksbeziehung. Tom und Laura verstehen nicht, dass Farid ungern von seiner Flucht erzählt und nicht richtig in Deutschland ankommen will. Dies liegt daran, dass er weiter nach einer Gefährtin sucht, die er auf der Flucht aus den Augen verloren hat.
Dies ist die Konstellation im Roman „Knallkrebse“, den der Autor Christian Mitzenmacher, studierter Mathematiker, im Rahmen des Literarischen Herbstes am 27. November am Camerloher vorstellte. Mitzenmacher las zunächst eine Stelle von einem Abend auf dem Oktoberfest: Studierende auf den Tischen, langsame Annäherung von Tom und Laura, skurrile Dating-Tipps. Erwähnung finden auch die CSU-Größen Söder und Seehofer bei einer Party im P1.
Der Roman ist voll realistischer Situationskomik, mit präzisen Beobachtungen wie „Laura hatte sogar auf den Lidern Sommersprossen.“ Tom schreibt über seine Kommilitonen, die eine Show abziehen von angeblichem sozialem Engagement und gleichzeitig angeblich Zeit, um nachts NBA-Spiele zu schauen: „Alle machten auf cool, hatten aber in Wirklichkeit schon fünf Tage vor den Prüfungen Durchfall.“ Angeblich erzählen sie nur Ausreden, keine Lügen, eine von den Eltern abgeschaute Strategie, dazu Tom: „Was ist eine Lüge schon anderes als die Fortsetzung einer Ausrede?“
Der Roman bietet eine bisher unbekannte Perspektive, die eines Mentors statt die eines Geflüchteten. Christian Mitzenmacher war selbst Pate für mehrere unbegleitete minderjährige Geflüchtete aus Afghanistan und Eritrea, von deren Mut und Optimismus beeindruckt. Er teilte die Unsicherheit gegenüber den Geflüchteten mit dem Ich-Erzähler Tom. Insgesamt schrieb Mitzenmacher sechs Jahre an dem Roman. Lange quälte ihn die Frage: Wie kann über die Flucht erzählt werden? Wie dies gelungen ist, erfahren die Leser beim Lesen!
Andreas Decker