Ein warmer, sonniger Sonntag neigt sich dem Ende zu. In den Kunsträumen wird es langsam dunkel, Leopold Schwegler aus der 7B sammelt noch Kartonschnipsel ein, wirft einen letzten kritischen Blick auf sein Architekturmodell, an dem er den ganzen Tag in der Schule weitergearbeitet hat – ehe es am nächsten Tag zusammen mit weiteren rund 700 ausgewählten Schülerarbeiten aus ganz Bayern der Fachjury präsentiert werden wird.
Der Weg zu einem guten Entwurf ist oft ein langer Prozess, der von Ausprobieren, Weiterentwickeln, Verwerfen, Wieder-Ausprobieren und Neudenken geprägt ist. Leopold hat viel ausprobiert, bis er zuletzt in einem Abfallstück einen spannungsreichen Grundriss entdeckt und daraus seine Idee entwickelt hat. Mit viel Vorstellungskraft, Augenmaß und Geduld ist ein spannender Architekturentwurf entstanden, der auch die Wettbewerbsjury überzeugen konnte, ihm einen der Preise in seiner Alterskategorie zu verleihen.
An dem von der Landesarbeitsgemeinschaft Architektur und Schule e.V., Bauwärts und der Bayerischen Architektenkammer ausgerichteten Wettbewerb haben einige Klassen unserer Schule teilgenommen. Beim Wettbewerbsthema „Kleine Bauten – große Wirkung“ging es um den Entwurf einer räumlichen Situation auf dem kleinen Grundriss von nur 50m² für ein konkretes Nutzungskonzept, das auf Nachhaltigkeit und/oder Gemeinwohlorientierung ausgerichtet sein sollte. Dabei hatten sich die Schüler*innen im Vorfeld umfassend mit aktuellen Problemen sowie mit zukunftsorientierten Strategien des Bauens auseinandergesetzt: angefangen bei den Ursachen der Klimakrise, der Ressourcenknappheit und der Rolle des Bausektors, von den Fragen sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe über Herausforderungen und Chancen in der Städteplanung bis hin zur Beschäftigung mit der Situation in der eigenen Stadt oder Gemeinde.
Leopold konzentrierte sich auf den partizipativen Aspekt: Sein Entwurf mit dem Titel „Artinklusiv“ ist ein Werk- und Ausstellungsraum geworden, den junge Kunstschaffende kostenfrei buchen können, um den geschützten Außen- und Innenbereich als Atelier auf Zeit zu nutzen. Geplant ist der Raum für Raum- und Objektkunst, die dann für eine bestimmte Zeit öffentlich präsentiert wird. Über die Ausstellungsdauer führt ein Weg durch den Bau, sodass man auch unterwegs – wie beiläufig – mit der ausgestellten Kunst in Kontakt kommen kann. Gedacht ist der kleine Bau aber auch als spannender Begnungsort für Jugendliche, Leopolds Zielgruppe. Er schreibt in seinem Konzept: „Kunst soll für alle machbar, zeigbar und zugänglich sein.“
Für seinen durchdachten Entwurf wurde Leopold nicht nur mit einem Preis ausgezeichnet – gemeinsam mit Anna Scheuerlein und Teresa Warth, die sich ebenfalls besonders im Projekt engagiert hatten, durfte er am umfangreichen Veranstaltungsprogramm teilnehmen. Nach einem herzlichen Empfang mit Verpflegung wurden wir durch die Ausstellung Trees, Time, Architecture! in der Pinakothek der Moderne geführt. Die Ausstellung beleuchtet die Beziehung zwischen Bäumen und gebauter Umwelt und zeigt anhand internationaler Projekte, wie Bäume als lebendige Organismen und Baumaterial eine neue, prozessorientierte Architektur ermöglichen können. Besonders beeindruckend war die virtuelle Begehung einer über Jahrhunderte gewachsenen Wurzelbrücke.
Im anschließenden Workshop auf dem Gelände der Pinakothek entwickelten Leopold, Teresa und Anna ausgehend von den Eindrücken der Ausstellung dreidimensionale Modelle, in denen Gewachsenes und Gebautes miteinander verbunden wurden – mit Hammer, Nägeln und vielfältigem Material. Die entstandenen Modelle durften mit nach Hause genommen werden. Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Bayerischen Architektenkammer wurden die preisgekrönten Arbeiten gewürdigt. Durch die Laudationes und die Gespräche mit den Preisträger*innen erhielten wir spannende Einblicke in die Bandbreite an Lösungsansätzen zu aktuellen gesellschaftlichen und ökologischen Fragestellungen. Zum Schluss blieb noch Zeit, die beeindruckende Ausstellung mit über 500 eingereichten Modellen zu besuchen. Leopolds Modell wird zusammen mit einem weiteren Beitrag aus unserer Schule Teil einer Wanderausstellung sein.
Judith Reichardt