von Katharina Horban
Jemand liegt im Bett und schaut auf die Tür. Es klopft. Rufe von außen verlangen, dass er die Tür öffnen soll. Er schafft es aber nicht, aufzustehen: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." So beginnt die 1912 entstandene "Die Verwandlung", eins von Franz Kafkas bekanntesten Werken.

Alois Prinz steht im Kellertheater des Camerloher-Gymnasiums vor zwei Deutsch-Kursen der Q12 und möchte den Jugendlichen diese seltsame, verstörende und doch faszinierende Geschichte näherbringen. Mit seiner Kafka-Biografie "Auf der Schwelle zum Glück" erzählt Prinz den Jugendlichen von einem Mann voller Gegensätze, der so gar nicht den heutigen Vorstellungen eines Schriftstellers entspricht. "Ich möchte jungen Leuten vermitteln, warum es so wichtig ist, Kafka zu lesen", ist sich der vielfach ausgezeichnete Autor sicher. Ermöglicht wurde die Lesung von Helma Dietz und Irmgard Koch vom Kulturverein Modern Studio Freising e.V. im Rahmen des Literarischen Herbsts. Prinz studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München, seine Spezialität sind Lebensgeschichten. Trotz der unglaublichen Flut an Sekundärliteratur zu Kafka hatte er den Mut, das Geheimnis um das Leben des Schriftstellers weiter zu lüften. Denn heute gilt für die meisten: "Kafka ist ein Label. Kafka ist ein Psycho."

Zur Überraschung vieler Schüler berichtet Prinz von einem jungen Mann, der heutzutage inmitten von Casting-Shows und Selbstinszenierung in den Sozialen Medien wohl sehr aufgefallen wäre: "Es ist bewundernswert, dass Kafka nicht berühmt werden wollte. Zu seiner Zeit hat ihn niemand gekannt." Max Brod, einer von Kafkas engsten Freunden, musste ihn regelrecht zwingen, wenigstens ein paar Texte zu veröffentlichen. Nach Kafkas Tod im Jahr 1924 widersetzte sich der Freund dem Willen der testamentarischen Verfügung, sein Werkzu verbrennen und machte die Geschichten der Weltöffentlichkeit zugänglich. "Und deshalb müsst ihr euch im Unterricht mit diesem Mann auseinandersetzen", fügt Prinz lächelnd hinzu.

1883 als Sohn jüdischer Eltern in Prag geboren, fiel der dünne Junge schon während seiner Schulzeit durch mangelndes Selbstwertgefühl und Unsicherheit auf, hatte keinen Ehrgeiz und mogelte sich von einem Schuljahr ins nächste. Zum Leidwesen des strengen Vaters entsprach Franz so gar nicht dem Idealbild eines Sohnes. "Anstatt soldatisch und tapfer zu sein, war Franz Kafka Vegetarier", enthüllt Prinz und erntet Gelächter aus dem Publikum. Nach seinem Jura-Studium arbeitete Kafka in einer Versicherungsgesellschaft und reduzierte bewusst auf eine Halbtagsstelle, um seiner großen Leidenschaft nachgehen zu können: "Schreiben war seine Lebensessenz." Zuhause lag der junge Mann oft im Halbschlaf auf dem Sofa, diese Momente waren seine produktivsten für sein literarisches Schaffen. Laut Prinz haben seine oft im Traum entstandenen Geschichten auch Traumlogik, deshalb seien Kafka-Texte auch nicht interpretierbar: "Ganz normale Situationen werden plötzlich irrational." Und doch schrieb Kafka stets bewundernswert präzise und konzentriert.

Immer wieder unterbricht Prinz seinen regen Erzählfluss und liest einige Passagen aus seinem Buch vor. Es fällt auf, wie detailgetreu und einfühlend das Schreibtalent dieses eigenbrötlerischen Genies erzählt wird. Durch sorgfältige Recherchen hilft er dem Publikum, sich in Kafkas Welt hineinzuversetzen. Die Biografie meint es gut mit dem Leser und stellt den komplizierten Charakter Kafkas anschaulich dar.

Mit am wichtigsten war für den jungen Kafka der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben und nach einer Frau, die dieses Leben mit ihm teilt. Er hatte zahlreiche Beziehungen, starb jedoch unverheiratet. An Felice Bauer schrieb er zum Beispiel bis zu drei Liebesbriefe am Tag, 1914 verlobte sich das Paar - nur um sich sechs Wochen später wieder zu entloben. Wegen seiner letzten Lebensgefährtin Dora Diamant entbrannte ein heftiger Streit mit dem Vater, der ihm den Umgang mit ihr verbieten wollte. Mit Dora zog er 1923 nach Berlin, um sich als fast 40-Jähriger endgültig vom Elternhaus abzunabeln. Er wollte ein unaufgeregtes und stilles Leben führen. Das Berlin-Projekt scheiterte leider, da Kafka an Kehlkopf-Tuberkulose erkrankte. In einem Sanatorium in Österreich starb er am 03. Juni 1924. Prinz resümiert: "Kafka starb in dem Wissen, dass ihn niemand kennt. Und heute ist er auf der ganzen Welt bekannt."